Pilztagebuch - 4. Quartal 2021

Oktober * November * Dezember


02.10.2021 - Wie so oft in letzter Zeit zeigte sich das Wetter auch heute wieder in einem einheitlichen Grau. Derzeit sieht es mit frischen Pilzen in vielen Wäldern sehr bescheiden aus, deswegen entschloss ich mich, erneut in den Züsower Forst zu fahren. In den vergangenen vier Monaten war ich auf dieser Ecke relativ oft und deswegen war ich mir fast sicher, auch heute wieder ein paar schöne Sachen zu finden. Nachdem ich in diesem Wald letzte Woche viele Becherlinge und seltene Lorcheln gefunden hatte, suchte ich heute entlang der Waldwege weiter. Neben vielen Herbstlorcheln konnte ich verhältnismäßig viele Fruchtkörper von dem nicht so häufigen niedergedrückten Becherling (Peziza depressa) finden. Als Bonus gab es den auch noch drei lilafarbene Becherlinge (Peziza gerardii), auch das dürfte ein Erstnachweis für dieses Waldgebiet sein. Ansonsten gibt es weiterhin viele köstliche Herbsttrompeten und inselweise große Trupps von gelbstieligen Trompetenpfifferlingen. Mal sehen, wo es morgen hingeht.

 

03.10.2021 - Heute, für den Tag der Deutschen Einheit, suchte ich mir die ehemaligen Tongruben bei Grevesmühlen aus. Da es recht stürmisch war, wäre ein Waldgebiet nicht ideal gewesen. Es stellte sich die Frage, Steilküste oder Kiesgrube und kurz vor der Abfahrt entschied ich mich eben für die stillgelegten Tongruben bei der Ortschaft Degtow. Wer Angst vor Wildschweinen hat, sollte diese besagten Gruben meiden. Dieses Gebiet wird im Allgemeinen ohnehin immer unattraktiver, da dort alles immer mehr verbuscht. Birken und vor allem der Schlehdorn hat bereits große Teile dieses Areals eingenommen und freie Flächen sind nur wenige vorhanden. Nichtsdestotrotz konnte ich noch ein paar farbenfrohe Pilze finden. Schwarze Erdzungen, gelbe und rote Saftlinge und weiße Wiesen-Ellerlinge, aber von den ansonsten schönen grünen Papageien-Saftlingen (Gliophorus psittacinus) konnte ich nur noch ältere Exemplare sehen. Der beste Fund des Tages waren aber seltene Schnecklinge und zwar handelt es sich dabei um den nicht häufigen Stinkenden Samtschneckling (Camarophyllopsis foetens). Der Name ist allerdings wirklich Programm, denn der Geruch ist schon sehr speziell. Fazit: wie immer viel zu wenig Zeit, schlechtes Wetter, aber dafür einige schöne Pilze. Wenn ich es schaffe, möchte ich die Tage mal auf den Darß bei Prerow fahren. Die Witterungsbedingungen sind zwar nicht optimal, aber manchmal muss man die Feste eben feiern, wie sie fallen.

 

10.10.2021 - Schönes Wetter, die Sonne lacht wieder und ich werde jetzt in Richtung Steilküste aufbrechen. Ob oder was ich finden gefunden habe, werde ich denn erst später berichten können. Es gab verschiedene orange Borstlinge (Scutellinia) und viel Ascobolus.

 

09.10.2021 - Nachdem ich unter der Woche einen hübschen und nicht sonderlich häufigen Dachpilz finden konnte, ging es heute in eine Kiesgrube bei Wismar. Viele Pilze gab es nicht, die grelle Sonne erschwerte die Suche zusätzlich, aber am Ende konnte ich Saftlinge und ein paar schöne große Becherlinge finden. Bei der Bestimmung der Peziza mit sehr markanten Sporen, bin ich leider noch nicht viel weiter.

 

19.10.2021 - Kaum Zeit für die Pilze, geschweige hier auf der Seite Bilder einzupflegen oder meine erlebten Exkursionen und Funde hier zu notieren. Wie dem auch sei, Pilze wachsen an den geeigneten Stellen nach wie vor und so lange die Temperaturen im Plusbereich bleiben, werden wir auch weiterhin Pilze finden. Zum Beispiel die leckeren Edelreizker scheinen ein gutes Jahr zu haben, aber auch Freunde von Röhrlingen können immer noch erfolgreich auf Pilztour gehen. So fand ich am Wochenende Butterpilze, Pfefferröhrlinge, Steinpilze und auch ein Dutzend Rotkappen. Durch die bevorstehenden Herbststürme kann es in den nächsten Tagen etwas ungemütlicher werden und darum wird meine Suche hauptsächlich auf offenem Feld erfolgen. Ich hatte in diesem Herbst sowieso vor, etwas mehr nach Wiesenpilze Ausschau zuhalten. Zwei möglich Ziele habe ich schon vor dem inneren Auge und da könnte ich auch durchaus fündig werden.

 

20.10.2021 - Heute hatte ich einen kurzen Arbeitstag und nachdem ich meine Tochter von der Schule abgeholt habe, fuhren wir zusammen auf einen Magerrasen. Ich wollte schon seit Längerem verstärkt Wiesenpilze suchen und heute war es mal so weit. Was soll ich sagen, es war einfach nur überwältigend. Kaum aus dem Auto heraus, standen schon die ersten Wiesen-Ellerlinge vor mir und ab da an war es klar, hier bin ich goldrichtig. Schon nach kurzer Zeit fand ich zahlreiche bunte Saftlinge, einen nach dem anderen. Als ich begann, die ersten Bilder zu machen, kam es, wie es kommen musste, es fing natürlich an zu regnen. Nichtsdestotrotz schaute ich mich weiter um, denn wegen zehn Minuten wollte ich dort nicht extra hingefahren sein. Es war einfach unglaublich, Pilze gab es auf Schritt und Tritt. Viel verschiedene Saftlinge, weiße und orange Wiesen-Ellerlinge, gelbe Wiesen-Keulchen und der absolute Kracher waren für mich braune Erdzungen aus der Gattung Microglossum. In ganz Mecklenburg-Vorpommern wurden Pilze aus dieser Gattung erst wenige Male nachgewiesen. Die Bestimmung dauert noch etwas an und zwangsläufig müssen keulenförmigen Erdzungen ohnehin sequenziert werden, um ein sicheres Ergebnis vorweisen zu können. Egal was dabei aber herauskommt, es ist was Rares und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es etwas Neues für unser Bundesland. Da muss ich bei besserem Wetter noch einmal hin.

 

22.10.2021 - Der angekündigte Herbststurm blieb, zumindest in Wismar, weitestgehend aus. Regen ja, Sturm weniger. Da es aber bis zum heutigen Nachmittag trotzdem ziemlich trüb war und auch immer wieder kurze Schauer übers Land zogen, entschloss ich mich heute nach der Arbeit nicht mehr auf Pilzjagd zu gehen. Am Wochenende soll es trocken bleiben und auf jeden Fall werde ich am Sonntag die kürzlich entdeckte "Saftlingswiese" ansteuern. Morgen ist meine Freizeit wie so oft begrenzt und ich muss scharf überlegen, wo ich morgen den schönen und seltenen Pilzen hinterherjagen werde. Zwei Ideen habe ich schon im Kopf, mal gucken, wo es hingeht.

 

24.10.2021 - Heute war ich erneut auf der Suche nach Wiesenpilzen, aber diesmal war mein Besuch auf dem Magerrasen nicht so erfolgreich. Ein paar Sachen gab es trotzdem und die ersten Moosbecherlinge konnte ich für diesen Herbst auch verbuchen. Auf dem Rückweg schaute ich noch in einem Buchenwald vorbei und konnte dort viele von der nicht so häufigen krausen Kraterelle finden, und nebenbei sah ich noch kleine Eier vom parasitischen Scheidling (Volvariella surrecta) auf deformierten Nebelkappen (Clitocybe nebularis).

 

27.10.2021 - Da es nun doch schon wieder ganz schön früh dunkel wird, bleibt nachmittags keine Zeit mehr, um noch großartig nach Pilzen Ausschau zu halten. Währenddessen habe ich die letzten Tage genutzt, um alte Bilder durch neue auszutauschen oder habe allgemein neue Bilder von neugefundenen Arten auf der Homepage eingepflegt.

 

Halloween, 31.10.2021 - An diesem Wochenende hatte ich keine Zeit, um an der Pilzfront nach dem Rechten zu schauen. Ich verbrachte die zwei freien Tage, um die Homepage weiterhin auf den neusten Stand zu bringen und um zu lernen. Dies allerdings nicht im Bezug auf Pilze, sondern das Lernen war beruflicher Natur. Mal schauen, ob ich unter der Woche einen Tag frei machen kann und dann eventuell eine entspannte Waldrunde drehe oder vielleicht auch eine Wiesentour mache. Egal wie es auch kommen wird, Pilze gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmt.

 

21.11.2021 - So wie die Temperaturen langsam auf null absinken, so ist auch meine Freizeit für die Pilzsuche fast auf dem Nullpunkt angelangt. Die Tatsache, dass ich immer weniger Zeit für die Pilze habe, liegt aber auch etwas an der Jahreszeit. Mir ergeht es nämlich so wie den meisten Menschen auch, morgens im Dunklen zur Arbeit und am Feierabend bleibt auch nicht mehr viel Licht am Himmel übrig. Was bleibt, sind die Wochenenden, aber wenn nicht gerade schlechtes Wetter ist, schießen die Arbeitszeiten meiner Frau oft quer. Dazu kommt auch immer noch der alltägliche Wahnsinn, Haushalt, Kinder, Einkaufen, Familie und das Beagle-Tier möchte auch gerne draußen lange bespaßt werden ... es ist eben auch nicht viel dran am Tag. So genug rumgejammert. Gestern zum Beispiel hatte ich auch mal Glück, etwas Zeit, Wetter war ok und ein paar spannende Funde gab es auch. Nach Sonnenaufgang war ich mit Töchterchen und Hund an einem naturbelassenen Strandabschnitt bei Wismar unterwegs. Eine Grasfläche direkt am Wasser weckte mein Interesse und ich schaute mir unter dem hohen umgekippten Gras einige Moospolster an und nach vielleicht 2 Minuten sah ich direkt kleine Moosbecherlinge leuchten. Dank der Einschlaglupe, die ich immer dabei habe, war ich sofort hellauf begeistert. Denn eine Lamprospora in so einem besonderen Habitat (am Salzmoos Desmatodon heimii) hatte ich noch nie. Zu Hause angekommen musste ich sofort Mikroskopieren und ich kam rasch zu einem Ergebnis. Es wird sich höchstwahrscheinlich um den Moosbecherling (Lamprospora lubicensis) handeln, der laut den Verbreitungskarten erst wenige Male (4x) in Deutschland nachgewiesen wurde. Bestens gelaunt und ganz euphorisch machte ich mich zur Mittagszeit noch in eine Kiesgrube auf und wurde auch da nicht enttäuscht. Es ging in eine Grube an der A20 bei Jesendorf. Hier konnte ich in der Vergangenheit schon einige schöne Hutpilze, verschiedene Moosbecherlinge und vor zwei Jahren interessante lila farbene Becherlinge finden. Damals waren die Fruchtkörper nicht ansatzweise reif und blieben dadurch unbestimmt. Als ich im vergangenen Jahr eine Nachsuche betrieben habe, waren alle gefundenen Becher durch damalige Nachtfröste bereits so geschädigt, sodass auch da eine Bestimmung unmöglich war. Ab nächster Woche könnten die Temperaturen zumindest nachts in den Minusbereich rutschen und ich dachte mir gestern, wenn nicht jetzt, wann dann. Kaum angekommen, steuerte ich gleich die bekannte Stelle an und kam aus dem Staunen nicht mehr raus. In kürzester Zeit konnte ich ca. 20 Fruchtkörper sehen, die auf feinen sandigen Boden neben Kiefern und zwischen Besenginster einzeln und locker standen. Ich machte ein paar Bilder und sammelte einige Exemplare für die mikroskopische Untersuchung ein. Nur ganz alte Fruchtkörper, die schon schwarz und sehr unansehnlich aussahen, waren voll mit reifen Sporen. Ich denke, mit Peziza muscicola habe ich zwar einen guten Arbeitstitel, aber in dieser Gattung hat sie einfach zu viel getan und für eine wirklich sichere Bestimmung werde ich wohl einige Exemplare zur Sequenzierung schicken müssen.

 

21.11.2021 - Durch langes Arbeiten und wenig Tageslicht gab es in den letzten Wochen nicht viel Neues. Nun gab es aber mal wieder eine schöne Pilzexkursion, zusammen mit Torsten Richter durchkämmten wir eine Kiesgrube in West-Mecklenburg. Es gab viele und auch sehr interessante Funde, einen ausführlichen Bericht gibt es in Kürze.

 

Nach langer Zeit war es uns mal wieder vergönnt, eine vorweihnachtliche Exkursion zu unternehmen.

Die nachfolgenden Faktoren passten ziemlich gut zueinander, sodass ich mit dem Vereinsvorsitzenden Torsten Richter vom Pilzverein "Heinrich Sternberg" Rehna e.V. eine Exkursion in eine stillgelegte Kiesgrube plante. Arbeitsmäßig hatten wir beide das Jahr 2021 schon hinter uns gelassen, zudem hatten wir Zeit und Lust, gemeinsam auf die Pilzjagd zu gehen. Dazu kam, dass die Wetterbedingungen nahezu ideal waren, um nicht nur nach großen Pilzen, sondern auch verstärkt nach den kleinen Pilzen, nämlich nach Moosbecherlingen zu schauen. Der Plan klang gut und stand, nun durfte nur nichts mehr dazwischen kommen. Stürmische Böen und leichter Nieselregen begleiteten mich in Richtung Rehna, das war mir aber weitestgehend egal, denn unser Motto ist in der Regel: Hauptsache raus, irgendwas an Pilzen wird es schon geben. Gut gelaunt erreichten wir gegen 10 Uhr unser Zielgebiet. Wir hatten noch nicht einmal unsere Gummistiefel angezogen, da ging es schon mit den ersten Pilzen los. Der Moosbecherling - Octospora gemmicola - machte den Anfang. Damit war klar, dass wir hier heute noch einiges finden und mit Sicherheit nicht mit leeren Händen nach Hause fahren werden. Nach etwa weiteren 10 Minuten hörte man einen erfreulichen, aber auch einen etwas fragenden Aufschrei von Torsten. Was war los? Torsten hielt ein Stück Moos mit einem kleinen orangen Pilz darauf vor sich. Hübsch war er wirklich und nach der nächtlichen mikroskopischen Auswertung, wurde der Nabeling als Rickenella mellea bestimmt. Orange war Programm und so folgte ein großer Ast voller prächtiger Orangeseitlinge (Phyllotopsis nidulans). Bevor es aber erneut ziemlich orange weitergehen sollte, wurden wir an einer Böschung von niedlichen weißen kugelsporigen Stummelfüßchen (Crepidotus cesatii) aufgehalten. Bei dieser Begegnung entdeckte man gleich noch zwei andere spannende Arten, nämlich ein paar blasse Hautscheibchen (Pellidicus pallidus) und einen dunklen Schleimpilz (Dianema depressum). Die Zeit verging schnell und nun wollten wir endlich mal richtig in die Kiesgrube rein, was wir ursprünglich auch so vorhatten. Bereits nach weiteren 20 Metern wurden wir wieder ausgebremst. An einer alten Weide konnten wir tatsächlich zwei Moosbecherlinge von Octospora ortotricha am Wirtsmoos Orthotrichum diaphanum finden. Kurz gefreut, schnell ein paar Bilder gemacht, fix in die Dosen gepackt und rasch weiter. Ich hatte noch nicht einmal meinen Rucksack ordentlich zu gemacht, da rief Torsten gleich zum nächsten Fund. Hunderte Moosbecherlinge von Octospora musci-muralis am Wirtsmoos Grimmia pulvinata besiedelten das Areal. Eine Art, die in Deutschland weit verbreitet und in manchen Gebieten sogar sehr häufig ist. Dadurch, dass die Art in ihrer Gattung verhältnismäßig groß werden kann und wir das ganze Jahr über auch gezielt nach Moosbecherlingen gucken, müssen wir einfach davon ausgehen, dass die Octospora musci-muralis zumindest in Mecklenburg-Vorpommern alles andere als häufig ist. Nachdem wir noch ein Erinnerungsbild gemacht hatten, lief langsam aber sicher die Zeit ab. Wenigstens 10 Minuten wollten wir aber noch einen Wall abgucken, entlang eines kleinen Baggersees. Während es auf dem Moos von Aloina nichts an Lamprospora-Arten gab, wuchs an verschiedenen Moosen von Bryum noch Octospora leucoloma und Octopora similis. Damit waren nun auch die letzten Dosen endgültig voll und wir gingen zurück zum Auto. Ich denke, man hätte dort durchaus noch paar Stunden verbringen können und das war auch ein Grund dafür, dass wir in diesem Gebiet bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sind. Zum Schluss also unsere Empfehlung, so zwischen weihnachtlichem Gänsebraten und Neujahrsfrühstück ruhig mal raus in die heimischen Pilzreviere. Nicht nur kleine Pilze, sondern auch Austernseitlinge und Winterrüblinge, warten darauf entdeckt zu werden.
 
Damit verabschieden wir uns aus diesem Pilzjahr und wünschen allen einen guten Start ins Jahr 2022.
Torsten und Christian