Pilztagebuch - 3. Quartal 2020

Juli * August * September


Samstag, 04.07.2020 - Nicht nur Pilze stehen beim Pilzverein Rehna auf der Tagesordnung, sondern auch der Natur- und Umweltschutz gehört selbstverständlich zum Vereinsleben mit dazu. Artenschutz ist zwar immer und überall wichtig, aber Biotopschutz ist das Fundament für alle Tiere, Pflanzen, Pilze und eben auch für alle Naturliebhaber. Wie in den vergangenen Jahren auch, stand gestern die Wiesenmahd im FFH Gebiet Radegasttal an. Gemeinsam mit meinem Sohn und dem Vereinsvorsitzenden Torsten Richter mähten wir einen Teil einer Feuchtwiese, die einen bemerkenswerten Orchideenstandort in West-Mecklenburg beherbergt. Solche Gebiete, die früher u. a. durch Viehhaltung automatisch kurzgrasig blieben, müssen heute mühevoll von Hand freigehalten werden, um einigen, teils seltenen bzw. konkurrenzschwachen  Pflanzen weiterhin das Dasein zu ermöglichen. Solche und ähnliche Naturschutzprojekte werden manchmal sogar gefördert. Dieses wurde und wird seit Jahren durch das Staatliches Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU Westmecklenburg Schwerin) und durch die Stadt Rehna auch getan, was unserem Pilzverein und vor allem den Orchideen (Knabenkraut / Dactylorhiza majalis und dem großen Zweiblatt / Listera ovata) zugutekommt. Eine Besonderheit dieser Naturschutzmaßnahme ist die tatkräftige Unterstützung durch Rehnaer Regionalschülerinnen und -schüler. Ein Projekt nach dem Motto „Hand in Hand“ gemeinsam etwas für die Natur vor der eigenen Haustüre umsetzen!

 

Freitag, 10.07.2020 - Dadurch, dass es in Wismar seit dem großen Regen vor drei Wochen immer mal wieder geregnet hat, wachsen nun auch verstärkt die Becherlinge. Zu finden gab es schon so einiges, aber so richtig gute Sachen waren noch nicht dabei. Zwar gab es ein paar schöne Arten, aber ich möchte ja hauptsächlich für mich neue Sachen finden und untersuchen. Wie dem auch sei, zu den schönsten Vertretern aus der Kategorie Ascomycten (Schlauchpilze) gehörten Mittwoch kleine zierliche Exemplare vom Zitronengelben Öhrling (Otidea concinna). Es gibt aber auch Pilze, über die ich mich ebenso freue, wie über extrem seltene Arten. Da gab es vorgestern einen hübschen zottigen Schillerporling (Inonotus hispidus) an Mehlbeere (Sorbus aria) und gestern fand ich einen kleinen aus derselben Gattung, nämlich den tropfenden Schillerporling (Inonotus dryadeus) am Fuße einer Eiche (Quercus). Wie oben schon erwähnt, hat es nun immer wieder mal geregnet in Wismar. Um den 05.06. gab es ca. 20 Liter, am 13.06. - 74 Liter, am 19.06. - 22 Liter, im Zeitraum vom 28.06. bis 08.07 - 23 Liter. Gestern bekam ganz Mecklenburg-Vorpommern etwas vom großen Regenkuchen ab. In Wismar kamen 19,4 Liter zusammen und heute sind noch 12,2 Liter dazugekommen. Zusammen sind das über 170 Liter in fünf Wochen, damit kann man doch schon was anfangen. Die Temperaturen lassen allerdings sehr zu wünschen übrig, wärmeliebende Sommerarten werden es in diesem Jahr schwerer haben. Morgen gehts in ein Waldgebiet mit Kalkboden und ich bin gespannt, was es zu finden gibt und ob die Schnecken mir was übrig gelassen haben.

 

12.07.2020 - Kurzes Fazit vom Wochenende: In parkähnlichen Biotopen kann man durchaus den einen oder anderen Frischpilz finden, aber aufregende Sachen sind nicht dabei. Der gestrige Abstecher in ein Waldgebiet mit überwiegend Buchen und Eichen auf gutem Boden, war echt enttäuschend. Ich hatte Mühe überhaupt etwas zu finden, und das, was es denn gab, war durch die Schnecken kaum noch als solches zu erkennen. Wie dem auch sei, es wird in den nächsten Wochen wesentlich mehr geben. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass einige Sommerarten komplett ausbleiben und wir nahtlos in den Pilzherbst marschieren. Die Temperaturen liegen mit max. 19 Grad deutlich unter dem Durchschnitt.

 

 19.07.2020 - In der letzten Woche ist nicht viel passiert. Im Stadtgebiet unter jungen Eichen wachsen weiterhin viele Becherlinge aus verschiedenen Gattungen und nun auch immer öfter die schwarzen Grubenlorcheln aus der Gattung Helvella. Erneut konnte ich, ohne gezielt danach gesucht zu haben, frische Sommertrüffel in Wismar finden. Gestern war ich in einem Wald auf Kalkboden, aber ich war in diesem Gebiet wohl etwas früh dran, denn alles was ich finden konnte, war noch sehr klein. So konnte ich kleine weiße Steinpilze mit einer Größe von gerade mal zwei Zentimeter finden. Die Pfifferlinge und Täublinge, die ich noch sehen konnte, waren genauso klein. In fünf bis sieben Tagen würde sich es sich in diesem Wald schon mächtig lohnen. Für das nächste Wochenende habe ich mir schon ein Zielgebiet ausgeguckt und werde ich nichts über die Wachstumsgeschwindigkeit berichten können. Pilzwetter ist jedenfalls vorhanden und auch in den kommenden Tagen geht es pilzfreundlich mit bewölktem Himmel und gelegentlich Schauern weiter. Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht.

 

02.08.2020 - Nachdem ich nun die roten Borstlinge gut mikroskopisch untersucht habe, Rückendeckung von Torsten Richter und Trond Schumacher bezüglich meiner Bestimmung bekam, hefte ich die kurzhaarigen Schildborstlinge unter Scutellinia hyperborea ab. Da Freitag noch Juli war, fällt dieser seltene Glücksfund in die Kategorie "Pilz des Monats 07/20". Heute war ich mit dem Hund in einer nahegelegenen Kiesgrube unterwegs. In Gewässernähe schaute ich mir das dort wachsende Lebermoos an, ob nicht vielleicht eine paar Moosbecherlinge der trockenen Witterung standhalten. Viel Hoffnung hatte ich nicht, da die meisten Arten von Moosbecherlingen erst ab dem Herbst bis in den Frühling wachsen. Wie dem auch sei, konnte ich nach kurzer Suche etwas entdecken. Kleine stecknadelgroße Becherlinge, dazu rötlich und nach außen gewölbt. Von der Wuchsform her dachte ich, es kann nur die Gattung Iodophanus infrage kommen. Glauben bringt auf diesem, wie auf allen anderen wissenschaftlichen Gebieten, herzlich wenig und deswegen ist das Mikroskopieren zwingend notwendig. Schon nach dem ersten Blick konnte ich den Anfangsgedanken verwerfen und ich befand mich in der Gattung Pulvinula. Da ich bei den Feuerkissen-Becherlingen kaum Erfahrung habe, bekam ich prompt Hilfe aus Frankreich. Durch die Mikrobilder bekam ich nicht nur gleich eine Bestimmung, sondern auch großzügigerweise entsprechende Literatur geschickt. Eine ausführliche Arbeit über alle Arten aus der Gattung Pulvinula. Lange Rede, kurzer Sinn, für mich und auch für das Land Mecklenburg-Vorpommern, ein super Fund. Allgemein scheint es bisher eine wenig dokumentierte Art in Deutschland zu sein. Das muss aber nicht zwangsläufig heißen, dass diese Art in Mitteleuropa extrem selten ist. Kleine Arten wie diese, finden im Reich der Pilze halt nicht so viel Beachtung, wie beispielsweise ein großer madenfreier Steinpilz oder wie gelbe makellose Pfifferlinge im saftig-grünen Moos. Dazu kommt, dass sie viel schwieriger gesehen werden, bzw. oft überhaupt nicht als Pilz wahrgenommen werden. Dann müssen sie auch noch bestimmt werden, was auch nicht immer gelingt. Es spielen viele Faktoren mit rein, umso spannender ist es, immer wieder neue Sachen zu suchen und bestenfalls eben auch zu finden. Das dürfte dann schon fast der beste Fund für den Monat August sein, jedenfalls wird es schwer zu toppen sein.

 

 19.08.2020 - Die Hitzewelle wurde gestern durch den langersehnten Regen etwas eingedämmt. Auch wenn es heute mit viel Sonne und 28 Grad nicht gerade kalt war, war die Luft schon deutlich besser. Am gestrigen Vormittag kamen zehn Liter und am Abend noch einmal knapp 18 Liter vom Himmel. Eine Woche müssen wir uns aber mindestens noch gedulden, bis sich die trostlose Lage an der Pilzfront auch sichtbar verbessert. Ich persönlich bin momentan ohnehin zeitlich sehr eingespannt und habe daher weniger Zeit für das Hobby. Nach meiner normalen Arbeit bin ich dabei, einen LKW-Führerschein zu erwerben, dann ist ja seit Kurzem ein Hund bei uns im Haushalt, der täglich bespaßt werden will und muss, Hausaufgaben mit der Kleinen + zweimal in der Woche zum Sport, Einkaufen und neben den ganz normalen Alltagswahnsinn bleibt eben nur noch wenig Zeit. Dennoch finde ich immer wieder kurze Auszeiten, um auf die Suche zu gehen, aber dann habe ich neben dem Mikroskopieren leider keine Zeit mehr, dass hier alles noch ausführlich zu dokumentieren. Da es aber ab übernächste Woche wieder mehr Pilze geben wird, wird es auch hier auf der Seite wieder mehr geben. Danke für Eure E-Mails.

 

21.08.2020 - Seit den letzten Wochen bin ich dabei, allen hier gezeigten Bildern ein neues Format zu geben und gleichzeitig einige Bilder zu erneuern. Viele Bilder wurden schon geändert wie z.B. aus der Kategorie >Röhrlinge< oder bei den >Speisepilzen< und die Rubrik >Pilzbilder< habe ich in den letzten zwei Tage in Angriff genommen. Heute geht es weiter ...

 

29.08.2020 - Momentan ist es echt öde an der Pilzfront. Trotz Regen in und um Wismar, blieben meine Stippvisiten in den unterschiedlichsten Wäldern und Biotopen erfolglos. Egal ob ich in der Kiesgrube, im Wald, auf Feldern, an Waldseen, an Waldkanten oder in Parkanlagen unterwegs war, mein Gesicht wurde immer länger. Das Gute ist aber, es kann in den nächsten Tagen und Wochen nur besser werden, denn weniger geht nun wirklich nicht. Gleich morgen werde ich einen neuen Versuch starten. Da es in Richtung Osten und Süden nichts zu finden gab, werde ich diesmal meine Fühler nach Westen ausstrecken.

 

06.09.2020 - Es bleibt weiterhin echt bescheiden langweilig an der Pilzfront. Klar gibt es hier und da mal einen Pilz, aber wenn, dann weisen diese schon wieder Spuren der Trockenheit auf. Heute gab es auch nur ein paar verschiedene Röhrlinge in Parkanlagen zu sehen. In den Wäldern, die relativ noch feucht sind und auch in der Vergangenheit gut Regen abbekommen haben, läuft auch alles weiterhin auf Sparflamme. Aus diesem und noch aus paar anderen Gründen motiviert es mich nicht gerade längere Strecken zu fahren, um vielleicht mal einen halb von Schnecken zerfressenen Steinpilz mit Trockenschäden zu fotografieren. Wie dem auch sei, ändern kann man an der Situation ohnehin nichts und ich denke, dass ich unter der Woche noch eine längere Tour durch verschiedene Wälder mache, um mir einen besseren Eindruck der momentanen Lage zu machen.

 

Samstag 12.09.2020 - Gestern ging es in Richtung Rostock, aber auch dort hielt sich das Pilzaufkommen noch sehr zurück. Viel gab es nicht, aber ein paar Bilder von schönen Pilzen bekam ich trotzdem in den Kasten. Die momentane Witterung ist für das Wachstum der Pilze äußerste suboptimal. Es soll noch wärmer werden, kein Niederschlag in Sicht und vor allem soll es dazu sehr windig werden, das ist alles andere als günstig. Die Pilze, die es jetzt noch aus dem Boden schaffen, werden relativ schnell luftgetrocknet werden. Für die Freunde von Speisepilzen kann es diesbezüglich sehr traurig werden. So wie heute, die paar Rotkappen, die ich fand, waren alle von Schneckenfraß oder durch Trockenschäden gezeichnet. Zum Glück fand ich heute noch ein paar schwarzblauende Röhrlinge und paar schöne Exemplare vom nicht so häufigen Erlen-Grübling. Morgen geht es auch gleich wieder los, bevor Sonne und Wind alles stoppt und das Bisschen, was noch da ist, unansehnlich macht.

 

Dienstag 15.09.2020 - Auch wenn die momentane Wetterlage fast Gift für die Pilze ist, kann man trotzdem noch etwas finden. Gestern gab es neben den Klassikern wie Pfifferlinge, Steinpilze, Birken-Röhrlinge, Rotkappen und Hexen-Röhrlingen auch schöne Pilze für's Auge. Rosagefärbte zottige Birken-Milchlinge und ein paar geschmückte Gürtelfüße, nichts zum Essen, aber wunderschön anzusehen. Freitag habe ich frei und ich werde sofort ein paar Wälder in Angriff nehmen, in der Hoffnung, wieder einige kleine Raritäten zu finden. Sonntag konnte ich im Wald in alten feuchten Wagenspuren noch winzige Aleuria cestrica (kleinsporiger Orangebecherling) finden. Diese Art wurde bis jetzt noch nicht so häufig in Deutschland nachgewiesen, umso schöner ist es, dass dieser Fund nun für Mecklenburg-Vorpommern kartiert werden kann. Man sieht also, Pilze gibt es immer, man muss sie eben nur finden.

 

19.09.2020 - Die Wälder um Wismar herum sind mittlerweile wieder sehr trocken. Viel Zeit hatte ich heute ohnehin nicht, also ging es kurz in einem Wald, der die Feuchtigkeit immer noch etwas länger im Boden hält, als die Wälder auf Sandboden. Unter Buchen und Eichen gab es viele Täublinge, aber schöne Exemplare waren auch dort die Seltenheit. Röhrlinge gab es heute so gut wie keine, wenn man die vielen überständigen Rotfuß-Röhrlinge nicht mitzählt. Schönster Fund des Tages waren zwei kleine Langfuß-Lorcheln (Helvella macropus). Eine makroskopisch spannende Scutellinia (roter Schildborstling) habe ich mir noch mitgenommen. Mal sehen, was da beim Mikroskopieren rauskommt.